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Fortschritt – der ISÖ-Podcast – Folge 23 – Glanz und Elend von Utopien

Was brauchen demokratische Gesellschaften, um sich weiterzuentwickeln? Sind Utopien notwendige Orientierungspunkte gesellschaftlichen Fortschritts oder führen sie in Ideologien und Verschwörungserzählungen? Darüber spricht Prof. Dr. Michael Opielka mit dem Leipziger Soziologen Prof. Dr. Georg Vobruba, einem der profiliertesten Sozialwissenschaftler im deutschsprachigen Raum. Beide verbindet eine fast vierzigjährige wissenschaftliche Zusammenarbeit, die mit ihrem gemeinsamen Buch Das garantierte Grundeinkommen (1986) begann.

Ausgangspunkt des Gesprächs ist die Frage nach Wesen und Geschichte der Utopie. Vobruba erinnert daran, dass Utopien keine zeitlose Erscheinung sind, sondern mit der europäischen Moderne entstehen: Erst mit dem Beginn der Neuzeit entwickelt sich die Vorstellung, dass Gesellschaften von Menschen gestaltet und verändert werden können.

Ein erster Schwerpunkt gilt dem Verschwörungsdenken als einer modernen Form politischer Anti-Utopie. Vobruba zeigt, dass Verschwörungserzählungen weniger konkrete Zukunftsentwürfe entwickeln als eine radikale Kritik der Gegenwart formulieren. Ihr eigentliches Ziel sei die Sehnsucht nach einer einfachen, vollständig erklärbaren Welt, in der komplexe gesellschaftliche Prozesse auf wenige vermeintliche Drahtzieher reduziert werden können.

Im zweiten Teil wenden sich Opielka und Vobruba den klassischen sozialistischen Utopien zu. Sie diskutieren die Ambivalenz zwischen emanzipatorischer Hoffnung und autoritären Versuchungen des „wissenschaftlichen Sozialismus“. Zugleich würdigen sie den nachhaltigen Einfluss utopischen Denkens auf die Entwicklung des demokratischen Sozialstaates und moderner sozialer Rechte.

Eine besondere Rolle spielt Ernst Blochs Prinzip Hoffnung. Vobruba fasst dessen zentrale Botschaft in einem Satz zusammen: Utopien seien notwendig, „damit man das Wünschen nicht verlernt“. Neue Bedürfnisse und neue Vorstellungen gesellschaftlicher Entwicklung bilden die Voraussetzung sozialen Fortschritts.

Am Beispiel des garantierten Grundeinkommens diskutieren beide schließlich eine „konkrete Utopie“. Dabei plädieren sie weder für Heilsversprechen noch für revolutionäre Gesellschaftsentwürfe, sondern für realistische Reformen, die soziale Sicherheit verbessern, Armut überwinden und individuelle Freiheit erweitern können.

Zum Abschluss wird das Gespräch persönlicher. Georg Vobruba spricht über seine Herkunft aus Wien, seine wissenschaftliche Laufbahn und seine Haltung zur Gegenwart. Trotz aller Krisen wirbt er für einen nüchternen Optimismus: Die heutigen Lebensverhältnisse in Mitteleuropa besitzen aus historischer Perspektive selbst eine utopische Qualität. Gerade deshalb sollten demokratische Gesellschaften ihre Errungenschaften bewahren und zugleich offen für weitere Verbesserungen bleiben.

Ein philosophisches und sozialwissenschaftliches Gespräch über Fortschritt, Freiheit, Hoffnung und darüber, welche Utopien unsere Gesellschaft heute noch braucht.

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Shownotes

Prof. Dr. Georg Vobruba, Emeritierter Professor für Soziologie, Universität Leipzig
https://www.uni-leipzig.de/personenprofil/mitarbeiter/prof-dr-georg-vobruba

Das Verschwörungsweltbild. Denken gegen die Moderne.
Beltz Juventa, Weinheim/Basel 2024.
https://www.beltz.de/fachmedien/soziologie/produkte/details/52173-das-verschwoerungsweltbild.html

Die Vereinfachung der Gesellschaft. Verschwörungsdenken und Staatssouveränismus.
Beltz Juventa, Weinheim/Basel 2026.
https://www.beltz.de/fachmedien/soziologie/produkte/details/53973-die-vereinfachung-der-gesellschaft.html

Philippe Van Parijs & Yannick Vanderborght
Basic Income. A Radical Proposal for a Free Society and a Sane Economy.
Harvard University Press, 2017.
https://www.hup.harvard.edu/books/9780674978078

Michael Opielka / Georg Vobruba (Hrsg.)
Das garantierte Grundeinkommen. Entwicklung und Perspektiven einer Forderung.
Frankfurt: Fischer (fischer alternativ), 1986.
https://www.archiv-grundeinkommen.de/gag/index.htm

Basic Income Earth Network (BIEN)
https://basicincome.org