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Fortschritt – der ISÖ-Podcast – Folge 24 – Verteidigung des Universalismus

Was bedeutet Universalismus in einer Welt, in der Nationalismus, geopolitische Machtpolitik und die Schwächung internationaler Institutionen wieder an Bedeutung gewinnen? Und woher stammt überhaupt die Vorstellung, dass wir bei moralischen und politischen Entscheidungen nicht nur das Wohl der uns Nahestehenden, sondern das Wohl aller Menschen berücksichtigen sollen?

Darüber spricht Michael Opielka in Folge 24 des ISÖ-Podcast mit dem Soziologen und Sozialphilosophen Hans Joas, Ernst-Troeltsch-Honorarprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin und langjähriger Professor an der University of Chicago. Ausgangspunkt des Gesprächs ist Joas’ großes, 2025 bei Suhrkamp erschienenes Werk „Universalismus. Weltherrschaft und Menschheitsethos“.

Joas unterscheidet zwei grundlegend verschiedene Formen des Universalismus. Unter moralischem Universalismus versteht er das Ethos, bei moralischen und politischen Entscheidungen grundsätzlich alle Menschen in den Blick zu nehmen – nicht nur Familie, soziale Gruppe, Volk oder Nation. Davon unterscheidet er den politischen Universalismus, also den Anspruch von Staaten und Imperien, ihre Herrschaft über immer größere Räume, im Extremfall über die ganze Welt, auszudehnen. Eine zentrale These seines Buches lautet, dass die Geschichte des moralischen Universalismus nicht unabhängig von der Geschichte imperialer Herrschaft verstanden werden kann.

Das Gespräch führt deshalb weit zurück in die Religions- und Weltgeschichte. Joas lokalisiert entscheidende Entstehungsprozesse eines moralischen Universalismus in der sogenannten Achsenzeit, etwa zwischen 800 und 200 v. Chr.: bei den hebräischen Propheten, im antiken Griechenland sowie in China und Indien. Universalistische Impulse entstehen dabei häufig gerade in der Auseinandersetzung mit imperialen Machtansprüchen. Zugleich können sie von Imperien übernommen und zur Legitimation politischer Expansion eingesetzt werden.

Am Beispiel des Römischen Reiches und der Christianisierung unter Konstantin wird diese Ambivalenz besonders deutlich. Eine herausragende Bedeutung misst Joas Augustinus bei. Dieser habe früh erkannt, dass sich das Christentum nicht mit einem bestimmten Staat identifizieren dürfe. Zugleich müsse aber auch die Kirche der Versuchung widerstehen, sich selbst zu sakralisieren. Diese Spannung zwischen moralischem Anspruch, politischer Macht und religiöser Institution bleibt für Joas bis heute aktuell.

Weitere Stationen des Gesprächs sind Konfuzianismus und Buddhismus. Joas widerspricht insbesondere Max Webers Deutung des Konfuzianismus als vorwiegend anpassungsorientierter Ethik einer imperialen Beamtenschicht. Er sieht darin ursprünglich ein stärkeres universalistisches Potenzial, das durch seine Verbindung mit dem chinesischen Imperium zurückgedrängt wurde. Beim Buddhismus dient Kaiser Ashoka als historisches Beispiel für die Schwierigkeiten, politische Herrschaft tatsächlich an einem universalistischen religiösen Ethos auszurichten.

Auch der Islam wird als universalistische Religion diskutiert. Joas warnt dabei vor seiner Gleichsetzung mit arabischer Kultur. Eine besondere Rolle spielt schließlich Indien: Mahatma Gandhi habe erkannt, dass antikolonialer Widerstand nicht seinerseits in einen partikularistischen Nationalismus umschlagen dürfe. Er habe deshalb versucht, aus hinduistischen, christlichen, jüdischen und islamischen Quellen einen interreligiös begründeten moralischen Universalismus zu entwickeln und diesen zugleich in seiner eigenen Lebensführung zu verkörpern.

Ein weiterer Schwerpunkt sind die Menschenrechte. Joas versteht ihre Geschichte als Prozess, in dem ein zunächst moralisches Ethos schrittweise in Recht übersetzt wird: von den universalistischen Impulsen der Achsenzeit über die amerikanischen und französischen Menschenrechtserklärungen des späten 18. Jahrhunderts bis zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen von 1948. Diese Entwicklung versteht er durchaus als Fortschritt – ohne die Gefahr zu übersehen, dass Menschenrechte zur Legitimation ganz anderer politischer Interessen instrumentalisiert werden können.

Hier knüpft Joas an sein früheres Buch „Die Sakralität der Person“ an. Menschenrechte lassen sich für ihn weder einfach aus dem Christentum noch allein aus der säkularen Aufklärung ableiten. Entscheidend sind historische Prozesse, in denen sich die Wahrnehmung dessen verändert, was Menschen als unbedingt schützenswert erleben. Die Abschaffung der Folter oder der Sklaverei sind Beispiele für solche tiefgreifenden Mentalitätsveränderungen. Joas spricht von einer „Sakralisierung der Person“, die sich einer einfachen Gegenüberstellung von religiös und säkular entzieht.

Das Gespräch wendet sich schließlich der Gegenwart zu. Joas sieht eine erhebliche Schwächung jener universalistischen politischen Ordnung, die sich nach 1945 und besonders nach dem Ende des Kalten Krieges herausgebildet hatte. Besonders problematisch erscheint ihm nicht nur die vielfach heuchlerische Berufung auf universalistische Werte, sondern deren demonstrative Aufgabe. Zugleich warnt er davor, jede Forderung nach nationaler Selbstbestimmung oder jede Kritik an supranationalen Institutionen wie der Europäischen Union vorschnell als antiuniversalistisch zu behandeln. Auch Demokratie, Wohlfahrtsstaat und politische Selbstbestimmung können universalistisch begründete Güter sein.

Im letzten Teil wird das Gespräch persönlich. Hans Joas berichtet von seiner Kindheit in einem stark katholisch geprägten Münchner Milieu, vom frühen Tod seines Vaters und von materieller Armut. Die Erfahrung sozialer Ungleichheit habe sein Interesse an Soziologie und seinen Protest gegen soziale Ungerechtigkeit wesentlich geprägt. Zugleich entwickelte er eine starke Affinität zu Historismus und Hermeneutik sowie zum amerikanischen Pragmatismus, insbesondere zu George Herbert Mead und Charles Sanders Peirce. Im Pragmatismus fand Joas eine Denkweise, die demokratisch und egalitär sein konnte, ohne religionsfeindlich zu werden.

Aus diesen unterschiedlichen Quellen entwickelte sich ein jahrzehntelanges Forschungsprogramm: von „Die Kreativität des Handelns“ und „Die Entstehung der Werte“ über „Die Sakralität der Person“ bis zu den drei großen, eng zusammenhängenden Werken „Die Macht des Heiligen“, „Im Bannkreis der Freiheit“ und nun „Universalismus“. Dabei setzt sich Joas unter anderem kritisch mit Max Webers These der „Entzauberung“ und mit Hegels Geschichtsphilosophie auseinander.

Am Ende steht die Frage, was sich aus einer solchen Rekonstruktion der Geschichte für die Gegenwart gewinnen lässt. Joas bezeichnet sein Verfahren als „affirmative Genealogie“: Geschichte soll nicht bloß erklären, warum unsere Werte kontingent entstanden sind. In ihrer Rekonstruktion können zugleich Erfahrungen und Impulse sichtbar werden, die für gegenwärtiges Handeln Bedeutung besitzen.

So wird die Verteidigung des Universalismus zu mehr als einer abstrakten philosophischen Position. Sie wird zu einem Plädoyer dafür, Freiheit nicht nur als eigene Freiheit zu verstehen, sondern als gemeinsame Freiheit im Weltmaßstab.

Universalismus, so die Schlussformel des Gesprächs, ist ein Programm menschheitlicher Freiheit.

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Shownotes

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Hans Joas Ernst-Troeltsch-Honorarprofessur an der Humboldt-Universität zu Berlin
https://www.theologie.hu-berlin.de/de/professuren/s-professuren/etp/prof.-dr.-dr.-h.c.-hans-joas

Hans Joas: Universalismus. Weltherrschaft und Menschheitsethos. Suhrkamp, 2025, 975 S., Das zentrale Buch der Folge; Suhrkamp beschreibt es als Weltgeschichte des Menschheitsethos von der Achsenzeit über die großen religiösen Traditionen und Imperien bis zu Kolonialismus, Faschismus und Kommunismus.
Buchseite bei Suhrkamp

Aufsatzveröffentlichungen von Hans Joas u.a. im „Berliner Journal für Soziologie“ über ResearchGate
https://www.researchgate.net/profile/Hans-Joas

Hans Joas: Die Sakralität der Person. Eine neue Genealogie der Menschenrechte. Zentral für den Gesprächsteil über Menschenrechte, Sklaverei, Folter und die Frage, wie sich die Vorstellung von der unbedingten Würde der Person historisch entwickelt
Buchseite bei Suhrkamp

Hans Joas: Die Macht des Heiligen. Eine Alternative zur Geschichte von der Entzauberung. Erster Teil des im Gespräch erläuterten großen Forschungszusammenhangs, in dem Joas sich kritisch mit Max Webers Entzauberungsthese auseinandersetzt.
https://www.suhrkamp.de/buch/hans-joas-die-macht-des-heiligen-t-9783518299036

Hans Joas: Im Bannkreis der Freiheit. Religionstheorie nach Hegel und Nietzsche. Im Gespräch erläutert Joas dieses Werk als zweiten Teil des Zusammenhangs, der zu Universalismus führt und sich unter anderem mit Freiheit, Geschichte, Religion und Europa bei Hegel auseinandersetzt.
https://www.suhrkamp.de/buch/hans-joas-im-bannkreis-der-freiheit-t-9783518587584