Veröffentlichung

Fortschritt – der ISÖ-Podcast – Folge 27 – Rechtes Klima

Was bedeutet „rechts“ heute und wie verändert sich ein „Rechtes Klima“ in Zeiten von Klimakrise, Digitalisierung und gesellschaftlicher Verunsicherung? In Folge 27 von „Fortschritt – der ISÖ-Podcast“ spricht Michael Opielka mit dem Soziologen und Rechtsextremismusforscher Matthias Quent, Professor für Digitalisierung im Kontext gesellschaftlicher Transformation an der Ernst-Abbe-Hochschule Jena.

Ausgangspunkt ist die Grenze zwischen demokratisch rechten bzw. konservativen Positionen und Rechtsextremismus. Quent orientiert sich an Gleichheit und Ungleichheit: Antidemokratisch wird Ungleichheit dort, wo Menschen aufgrund von Abstammung, Ethnie, Religion oder Kultur unterschiedliche Wertigkeit zugeschrieben wird.

„Rechtes Klima“ ist doppeldeutig. In der Klimapolitik reicht das Spektrum von einer kleineren ökofaschistischen „Blut und Boden“-Tradition bis zur heute dominierenden Relativierung des menschengemachten Klimawandels und zur Abwehr konkreter Klimaschutzmaßnahmen. Klimapolitik wird dabei zum Feld affektiver Polarisierung gegen Grüne, Kosmopolitismus und postmaterialistische Lebensstile. Quent verweist auf sein Buch „Klimarassismus“.

Zugleich geht es um rechte Hegemoniepolitik. Migration und die Vorstellung einer möglichst homogenen Volksgemeinschaft stehen im Zentrum. Ihre Attraktivität erklärt Quent nicht allein über Programme oder materielle Interessen, sondern über Erfahrungen von Fremdbestimmung, Kontrollverlust und Ohnmacht. Autoritäre Angebote versprechen Übersichtlichkeit, Zugehörigkeit und Handlungsfähigkeit. Politische Emotionalisierung wird zur zentralen Technik.

Besonders wichtig ist die Digitalisierung. Soziale Plattformen belohnen Emotionalisierung, Polarisierung, Clickbaiting und Provokation; auch die Empörung politischer Gegner kann extreme Positionen verbreiten und normalisieren. „Postdigitalität“ bezeichnet die enge Verschränkung digitaler und nichtdigitaler Wirklichkeit. Mit generativer KI und Deepfakes droht eine weitere „Erosion gemeinsamer Wirklichkeit“: Gefälschtes kann authentisch erscheinen, authentisches Material wiederum als KI-Fake bestritten werden.

Beim Verhältnis von rechter Politik und Globalisierung zeigt sich ein Widerspruch: Nationalistische Akteure betonen Souveränität und lehnen globale Verantwortung ab, bilden aber zugleich transnationale autoritäre Netzwerke. Neben völkischen Strömungen diskutiert Quent einen libertär-technologischen Flügel, der etwa in Longtermism und Marsbesiedlung global denkt, die Welt jedoch hierarchisch als Verfügungsraum betrachtet.

Ist die gesellschaftliche Mitte nach rechts gerückt? Quents Befund ist differenziert. Die politische Landschaft hat sich durch den Aufstieg der AfD nach rechts verschoben; langfristige Studien wie der Thüringen-Monitor zeigen jedoch keine flächendeckende Radikalisierung. Rechtsextreme Einstellungen sind relativ stabil, aber sichtbarer, normalisierter, professioneller organisiert und politisch repräsentiert. Auffällig ist eine stärkere Rechtsorientierung unter Teilen junger Menschen, besonders Männern, sowie ein deutlicher Bildungsunterschied.

Zum Schluss geht es um Ohnmacht und Selbstwirksamkeit. In seinem Buch „Keine Macht der Ohnmacht“ beschreibt Quent, wie rechte Bewegungen „stellvertretende Selbstwirksamkeit“ durch Zugehörigkeit, Provokation und Aufmerksamkeit anbieten. Demokratische Politik müsse dem reale Beteiligung entgegensetzen, durch Engagement, Bürgerräte und direktdemokratische Verfahren. Auch ein mögliches AfD-Verbotsverfahren diskutiert Quent weniger als vorweggenommenes Verbot denn als rechtsstaatliche Prüfung, die Grenzen der Verfassung klären und demokratische Selbstwirksamkeit sichtbar machen kann.

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Shownotes

Matthias Quent – Homepage – https://www.matthias-quent.de/
Matthias Quent: Keine Macht der Ohnmacht (Piper, 2026) – https://www.piper.de/buecher/keine-macht-der-ohnmacht-isbn-978-3-492-07397-4
Matthias Quent / Christoph Richter / Axel Salheiser: Klimarassismus (Piper, 2022) – https://www.piper.de/buecher/klimarassismus-isbn-978-3-492-06271-8
Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ), Jena – https://www.idz-jena.de/
Thüringen-Monitor – https://thueringen-monitor.de/
Leipziger Autoritarismus-Studien – https://www.boell.de/de/leipziger-autoritarismus-studie
Karl Loewenstein: Militant Democracy and Fundamental Rights (1937) – https://www.jstor.org/stable/1948164
Gesellschaft für Freiheitsrechte: Projekt zur Verfassungswidrigkeit der AfD – https://afd-verbot.de/
Steffen Mau / Thomas Lux / Linus Westheuser: Triggerpunkte (Suhrkamp, 2023) – https://www.suhrkamp.de/buch/steffen-mau-thomas-lux-linus-westheuser-triggerpunkte-t-9783518430026