In memoriam Claus Offe: für eine bessere Welt
Claus Offe war ein Pionier des sozialökologischen Denkens, avant lettre, wie man sagt, wenn etwas noch nicht explizit war und in die Zukunft wies. Er starb am 1.10.2025 in Berlin, wo er 85 Jahre zuvor, im März 1940, geboren wurde. Die Hertie School of Governance in Berlin, an der er nach seiner Pensionierung von der Humboldt-Universität zu Berlin von 2005 bis 2012 lehrte, richtete zu seiner Ehre und Erinnerung am 27./28. März 2026 ein Symposium aus. Es versammelte Schülerinnen und Schüler, Kolleginnen und Kollegen und die Mitglieder seiner Familie, vor allem die beiden Töchter. Die Hertie School wird das Symposium in Audio und visuell dokumentieren. Die beiden Tage zeigten die Bedeutung und Wirksamkeit des wissenschaftlichen und ab und an des menschlichen Beitrags von Claus Offe.
Das Motto des Symposiums „Social Science for a Better World” verband geschickt die Programmatik von Claus Offe: Wissenschaft und Werte, und implizit die Annahme, dass gute Wissenschaft selbst einen Beitrag für eine bessere Welt bildet. Das Symposium widmete sich vier großen Themen des Offeschen Werks: Demokratie, Transformation, sozialer Fortschritt und Sozialpolitik. Was fehlte, war die ökologische Dimension seines Werks. Dass sie fehlte, hat mit der historischen Situiertheit seines wissenschaftlichen Wirkens zu tun. 1961 wirkte er, noch als Student, an der einflussreichen Denkschrift des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) „Hochschule in der Demokratie“ mit. 1965 bis 1969 war er Wissenschaftlicher Assistent bei Jürgen Habermas an die Goethe-Universität in Frankfurt, dem er nach Aufenthalten in Berkeley und Harvard, an das Starnberger Max-Planck-Institut folgte. Damit ist schon Wesentliches angesprochen: Offes „originäre theoretische Innovation eines systemtheoretisch inspirierten Neomarxismus“, wie Stephan Lessenich in einem politisch instruktiven Nachruf notierte, und vor allem sein transatlantisches Doppelwesen, seine tiefe Verankerung im neomarxistischen Diskurs der englischsprachigen akademischen Welt. Jene spätlinke Welt tat sich schwer mit der Ökologie, Ausnahmen bestätigen das nur, nur wenig leichter tat man sich mit „Nebenwidersprüchen“ wie Feminismus oder anderen Problemen der Diversität.
Nun zum Symposium. Eröffnet wurde es von der Gastgeberin Cornelia Woll, seit 2022 Professorin für Internationale Politische Ökonomie an der Hertie School, allerdings nicht mehr als Präsidentin dieser privaten Universität, an der sie mit viel Tempo begann, dann aber auf Betreiben der finanzierenden Hertie Stiftung, von der erwarteten Wiederwahl ausgeschlossen wurde. In ihrer Eröffnung und im Abschluss des Symposiums präsentierte sie Claus Offe außerordentlich professionell und sachlich. Von ähnlicher Qualität waren, jedenfalls aus meiner Sicht, nur zwei weitere Beiträge, die „Keynote Speech“ von Steffen Mau, Offes De-facto-Nachfolger an der Humboldt Universität, zum Thema der „triple transition“, der ökonomischen, politischen und kulturellen, also dreifachen Transformation der ehemals staatssozialistischen Gesellschaften. Mau hatte bereits, mit Michael Zürn, einen sehr guten Nachruf in der FAZ verfasst. Der dritte in diesem Bunde war Hans Joas, der große Religionssoziologe, der sich Offes wunderbarem kleinen, 2004 erschienen Suhrkamp-Band „Selbstbetrachtung aus der Ferne. Tocqueville, Weber und Adorno in den Vereinigten Staaten“ widmete, der Ausarbeitung der Adorno-Vorlesungen in Frankfurt. Der Buchtitel war präzise, denn es ging Offe auch um eine Selbstbetrachtung als Soziologe zwischen Europa und Amerika.
In der Einladung zum Symposium wurde aus Offes unveröffentlichten Text „A Short Account of my Professional Life, Including Facets of lts Context“ zitiert, hier übersetzt: „Ich bin auch davon überzeugt, dass sozialwissenschaftliche Forschung praktisch wertlos ist, wenn ihre Ergebnisse nicht normative Diskurse über das Wesen einer ‚gut geordneten Gesellschaft‘ und deren bestimmende Merkmale – den vernünftigen Umgang mit Freiheit und Verteilungsgerechtigkeit – anregen, beleuchten oder als Argumente dafür dienen können. Ein zentrales Ziel muss es sein, Wege zur Erreichung dieses Ziels vorzuschlagen, und zwar eher im Sinne eines wohlüberlegten Wunsches als im Sinne von Wunschdenken.“ Im englischen klingt das soziologisch-poetischer: „thoughtful wishing rather than wishful thinking”. So klingt Offe pur. Er hat es uns allen, die ihn kannten, so gesagt.
Der Block zur Sozialpolitik im Symposium war leider dürftiger, die Keynote blieb abstrakt. Philippe van Parijs sprach immerhin klar über Offes äußerst wichtigen, ökumenischen („against purism“) Beitrag zur Diskussion um ein Grundeinkommen. Offes Grundeinkommensreflexion findet sich vielleicht am prägnantesten zusammengefasst im Nachwort zu „Ein Grundeinkommen für Alle?“ von Parijs und Vanderborght aus 2005. Sie ist noch immer gültig.
Viele Symposiumsteilnehmer erwähnten, nicht schmunzelfrei, Offes Neigung zu Vierfelderschemata als analytischem Instrument. Dazu ließe sich vieles, vor allem Epistemisches, Wissenschaftstheoretisches sagen. Herbert Kitschelt, Offes erster Doktorand in Bielefeld, brachte das Problem auf diesen Punkt: Offe habe „dialectis“ durch „tensions“ ersetzt. Das gilt zwar nicht für das Thema Grundeinkommen, Basic Income, hier verwandelte er die Spannungen des auf „Verlohnarbeiterung“ setzenden Wohlfahrtsstaates im Kapitalismus in eine mögliche dialektische Lösung. In seiner weiteren politischen Soziologie allerdings hatte er sich, wie der gesamte Spät- und Neomarxismus, in der Aporie gut eingerichtet. In meiner von Claus betreuten Dissertation „Gemeinschaft in Gesellschaft“, veröffentlich erst stark verspätet 2004 und 2006, habe ich mich diesem Problem mit Hegel und Parsons gewidmet, und landete zwischen den Stühlen von Offe und Zweitgutachter Richard Münch. Aber das ist ein anderes Thema.
Zurück zur Sozialökologie. Das Thema Ökologie und Nachhaltigkeit kam im Symposium nur am Rande vor, Tine Stein machte darauf aufmerksam und auch Sven Giegold, stellvertretender Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen, der, wohl weil zu jung, nicht daran erinnerte, dass Claus Offe auf dem Gründungsparteitag der Grünen im Januar 1980 in Karlsruhe eine wichtige Rede hielt, die die Brücke zwischen Demokratie, Ökologie und Fortschritt betonte. Er sprach auch später zu grünen Gelegenheiten, aber verstanden wurde er nur von der Basis, nicht von den grünen Eliten.
Als wir 1987 das ISÖ gründeten, war Claus Offe nicht dabei, ich hatte ihn nicht gefragt, als säumiger Doktorand war ich zu scheu. Mit Georg Vobruba gehörte immerhin einer seiner Schüler zum Gründungskreis, mit Wolf-Dieter Narr ein früher Freund und mit André Gorz und Philippe Van Parijs geistige Verwandte. Das ist lange her und nun ist auch Claus Offe Vergangenheit. Dass wir von ihm viel für eine bessere Welt lernen können, das hat das Symposium gezeigt.
Hier das Programm des Symposiums zum Download.


