Veröffentlichung

Fortschritt – der ISÖ-Podcast – Folge 28 – Nachhaltige Psychoanalyse

Was kann Psychoanalyse heute leisten, für den einzelnen Menschen und für eine Gesellschaft, die mit Polarisierung, Autoritarismus, digitaler Transformation und ökologischen Grenzen umgehen muss? In Folge 28 von „Fortschritt – der ISÖ-Podcast“ spricht Michael Opielka mit Dr. Heribert Blass, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie Psychiatrie, Psychoanalytiker für Erwachsene, Kinder und Jugendliche und seit 2025 Präsident der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPA).

Ausgangspunkt ist die Lage der Psychoanalyse selbst. Blass versteht sie als einen Zugang zu jenen emotionalen Kräften, frühen Beziehungserfahrungen und unbewussten Mustern, die unser individuelles wie auch politisches Handeln mitprägen. Ihr Anspruch sei deshalb mehr als Symptomreduktion: Sie soll helfen, Gefühl und Vernunft miteinander in Beziehung zu bringen und die eigene Geschichte, das eigene Erleben und die Beziehungen zu anderen besser zu verstehen. Im Gespräch geht es auch um die internationale Situation der Psychoanalyse, ihren Rückzug aus Teilen von Universität und Klinik, um die Frage ihrer wissenschaftlichen Evidenz und um Langzeitstudien zur psychodynamischen und psychoanalytischen Psychotherapie.

Dabei öffnet sich das Gespräch früh zur Sinnfrage. Freud deutete Religion in „Die Zukunft einer Illusion“ aus menschlichen Bedürfnissen und Projektionen heraus. Blass warnt jedoch davor, Religion damit abzuwerten: Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, Beziehung und Sinn sei selbst ernst zu nehmen. Psychoanalyse und religiöse Sinnsuche bleiben verschieden, können sich aber dort berühren, wo menschliche Abhängigkeit, Verbundenheit und die Bedeutung des anderen Menschen in den Blick kommen.

Ein weiterer Schwerpunkt ist das Verhältnis von Psychoanalyse, Neurowissenschaften und Künstlicher Intelligenz. Blass verweist auf die Neuropsychoanalyse und die Einsicht, dass frühe Beziehungserfahrungen und eingeprägte Erwartungsmuster auch körperlich und neurophysiologisch verankert sind. Tiefgreifende Veränderung brauche deshalb Zeit und wiederholte neue emotionale Erfahrungen. KI könne durchaus unterstützen, beruhigen und als Gesprächspartner erlebt werden. Für Blass bleibt aber eine entscheidende Differenz: Analytische Arbeit lebt von einer realen Beziehung, von Gegenübertragung, Irritation und dem gemeinsamen Aushalten auch schmerzhafter Gefühle. Ob eine KI einen Menschen in einem geteilten Trauerprozess wirklich zum Weinen bringen kann, wird so zur zugespitzten Frage nach der Grenze künstlicher Beziehung.

Im zweiten großen Themenfeld geht es um Väterlichkeit. Blass löst sich von einem ausschließlich autoritären oder klassisch-ödipalen Vaterbild. Der Vater sei schon früh als ein „anderer“ Beziehungspartner wichtig: nicht als zweite Mutter, sondern als liebevoll präsente Differenz. Später komme die Fähigkeit hinzu, Grenzen zu setzen, Wut auszuhalten und dennoch in Beziehung zu bleiben. Blass beschreibt den Vater als „vertrauten Fremden“ und greift die Vorstellung eines „liebevollen Kampfes“ auf. Väterlichkeit verbindet in dieser Perspektive Zuwendung und Begrenzung, Nähe und Differenz. Dazu gehört auch, Fantasie und Realität unterscheiden zu lernen: Fantasien dürfen existieren, ohne dass sie in Handlungen umgesetzt werden müssen.

Von hier führt das Gespräch unmittelbar zur politischen Gegenwart. Was unterscheidet Autorität von Autoritarismus? Blass verbindet demokratische Kultur mit der Fähigkeit, Differenz auszuhalten, ohne den anderen zum Feind machen zu müssen. Wo diese Fähigkeit fehlt, können idealisierte Führerfiguren als Ersatz für verinnerlichte Orientierung attraktiv werden. Im Gespräch werden autoritäre und rechtspopulistische Dynamiken, terroristische Gruppen sowie Donald Trump als Beispiele diskutiert. Blass spricht ausdrücklich von einer Hypothese, wenn er die Bindung an solche Figuren auch mit der Schwierigkeit verbindet, eigene Irrtümer einzugestehen und narzisstische Kränkungen zu verarbeiten. Eine wirkliche väterliche Autorität steht für ihn dagegen nicht über dem Gesetz, sondern unterliegt den Regeln selbst.

Damit ist das Gespräch beim Kern des Titels „Nachhaltige Psychoanalyse“. Nachhaltigkeit meint hier zunächst die Dauerhaftigkeit psychischer Veränderung, vor allem aber eine soziale Dimension. Psychoanalyse zielt, so Blass, nicht auf „Ego-Aufblähung“. Eine gelingende Entfaltung des Ichs müsse vielmehr mit wachsender Empathiefähigkeit einhergehen. Entscheidend sei die Resonanz zwischen dem eigenen Gefühlsleben und dem der anderen, ohne Selbstaufgabe, aber ebenso ohne Selbstzentrierung. In analytisch inspirierten Dialogprozessen formuliert sich das in der Frage: Wo hat der andere Recht?

Für eine sozial nachhaltige Gesellschaft ist diese Haltung anspruchsvoll. Sie verlangt, eigene destruktive Möglichkeiten wahrzunehmen, Grenzen anzuerkennen, Verantwortung zu übernehmen und zugleich nicht in Schuld und Selbstkasteiung zu versinken. Auch gesellschaftliche Konflikte sollten weder psychologisiert noch moralisch vorschnell geschlossen werden: Hinter polarisierenden Positionen können reale Erfahrungen oder Interessen stehen, ohne dass deshalb ihre extremen Ausdrucksformen übernommen werden müssen. Psychoanalyse erscheint so als Praxis der Selbstbegrenzung und der Beziehung – als Versuch, Ich-Werdung, Empathie und gesellschaftliche Verantwortung miteinander zu verbinden.

Alle Folgen des Podcast sind bei Podigee zu finden.

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Shownotes

Neujahrsbotschaft von IPV-Präsident Heribert Blass
https://de.ipa.world/Dev/News_Stories/Officers/Overview_of_2025_and_plans_for_2026_DE.aspx

Offizielle IPA/IPV-Seite mit Heribert Blass als Präsident
https://de.ipa.world/ipa/IPADev/About__Us/Our_Board/Dev/Our_Org/Our_Board_2025_2029.aspx?hkey=739e33ba-2d70-4d25-b407-91fd174a8f1f

Der im Gespräch erwähnte IPA-Kongress „The Human Condition in the Digital World“ findet vom 25.–29. Juli 2027 in Vancouver statt
https://web.cvent.com/event/f992e6ae-7745-4d92-b31b-310120b8551f/summary

Heribert Blass: „Über väterliche Präsenz“ – Talks On Psychoanalysis – IPA-Podcastfolge zum im Gespräch zentralen Thema Väterlichkeit
https://open.spotify.com/episode/2rRYwxiSiANj5hBYI8znl1

Heribert Blass (2021): “A new Civilization and Its Discontents in times of COVID-19?” – Heribert Blass zum Verhältnis von Psychoanalyse und Gesellschaft
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8239508/

Heribert Blass (2026): “On the institutional dialectic between unity and diversity in psychoanalytic education” – Aktueller Beitrag zur psychoanalytischen Ausbildung und institutionellen Entwicklung
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/42246588/

LAC-Studie – Langzeittherapien bei chronischer Depression – Projektseite der Universitätsmedizin Mainz zur kontrollierten Studie psychoanalytischer und kognitiv-verhaltenstherapeutischer Langzeitbehandlungen
https://www.unimedizin-mainz.de/psychosomatik/forschung/psychotherapie-versorgungsforschung/lac-studie.html

Beutel et al. (2023): 5-Jahres-Ergebnisse der LAC-Depressionsstudie – Langzeitverlauf von Symptomen und struktureller Veränderung nach psychoanalytischer und kognitiv-verhaltenstherapeutischer Langzeitbehandlung
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36239414/

Leuzinger-Bohleber et al.: LAC-Studie – strukturelle Veränderungen – Studie zu nachhaltigen psychischen Veränderungen bei chronisch depressiven Patientinnen und Patienten
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33945717/

Falk Leichsenring & Sven Rabung: Long-term psychodynamic psychotherapy – Meta-Analyse zur Langzeit-Psychotherapie bei komplexen psychischen Störungen
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/21719877/

Smit et al.: Long-term psychoanalytic psychotherapy – RCT meta-analysis – Meta-Analyse randomisierter bzw. quasi-randomisierter Studien; wichtig für die differenzierte Evidenzdebatte
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/22227111/

Tavistock and Portman NHS Foundation Trust – Traditionsreiche öffentlich finanzierte Einrichtung für psychodynamische und psychoanalytische Psychotherapie in London
https://www.northlondonmentalhealth.nhs.uk/psychoanalytic-psychotherapy

Deutsche Psychoanalytische Vereinigung (DPV) – Fachgesellschaft, der Heribert Blass angehört
https://www.dpv-psa.de/home