Aufsatz
Michael Opielka, Ist Lohnarbeitszentrierung der Sozialpolitik ein Mythos? (2025)
Michael Opielka, Ist Lohnarbeitszentrierung der Sozialpolitik ein Mythos? Diskurse, empirische Verschiebungen und theoretische Perspektiven, in: Vierteljahreshefte zur Arbeits- und Wirtschaftsforschung (VAW), Vol. 2, Heft 4, 2025, S. 417-436
Die Sozialpolitik der Bundesrepublik Deutschland wird seit ihrer Bismarckschen Grundlegung von der Norm der Lohnarbeit geprägt. Trotz jahrzehntelanger Kritik – feministisch, postindustriell, ökologisch – bleibt die Lohnarbeitszentrierung eine tragende Figur politischer Programmatik und öffentlicher Legitimation. Der Beitrag untersucht, ob es sich hierbei um einen „Mythos“ handelt, der historische, empirische und theoretische Stabilität erzeugt, indem er alternative Modelle verdeckt. Diskurskritisch wird die Genese der Lohnarbeitszentrierung rekonstruiert. Empirisch werden Verschiebungen von beitrags- zu steuerfinanzierten Leistungen (z. B. Elterngeld, Bürgergeld) nachgezeichnet, die mythische Elemente reproduzieren. Theoretisch wird diskutiert, wie tradierte Wohlfahrtsregimekonzepte den Mythos stabilisieren, während zugleich Ansätze einer Bürgerzentrierung und nachhaltigen Sozialpolitik Alternativen eröffnen. Der Beitrag argumentiert, dass die Figur der Lohnarbeitszentrierung weniger empirische Notwendigkeit als vielmehr symbolische Macht entfaltet und damit zum Kernmythos moderner Sozialpolitik geworden ist.