Veröffentlichung

Fortschritt – der ISÖ-Podcast – Folge 26 – Digitaler Sozialstaat

In Folge 26 von „Fortschritt – der ISÖ-Podcast“ spricht Michael Opielka mit Felix Wilke, Professor für Soziologie an der Ernst-Abbe-Hochschule Jena, über Chancen, Widersprüche und Machtfragen der digitalen Transformation sozialer Sicherung. Ausgangspunkt ist die Unterscheidung zwischen einer „schwachen“ Digitalisierung, die analoge Verfahren lediglich digital abbildet, und einer „starken“ Digitalisierung, die Institutionen, Zugänge und sozialpolitische Leitbilder selbst verändert. Schon ein digitales Formular kann allerdings für Bürgerinnen und Bürger einen tiefgreifenden Unterschied machen, besonders dann, wenn technische Hürden über den Zugang zu Leistungen entscheiden.

Das Gespräch nimmt deshalb zunächst die Architektur des deutschen Sozialstaats in den Blick: das lohnarbeitszentrierte Sozialversicherungssystem, die bedarfsgeprüfte Grundsicherung und weitere Versorgungssysteme. Digitalisierung kann Verfahren vereinfachen, Leistungen zusammenführen und Ansprüche leichter zugänglich machen. Sie kann aber ebenso bestehende Logiken von Aktivierung und Eigenverantwortung verstärken. Am britischen Universal Credit und an Beispielen aus Finnland diskutieren Opielka und Wilke, warum technische Automatisierung keineswegs automatisch zu einem universaleren oder zugänglicheren Sozialstaat führt. Politische Leitbilder bleiben entscheidend.

Besonders konkret wird das Gespräch bei zwei Forschungsgegenständen Wilkes: der elektronischen Patientenakte (ePA) und der Digitalen Rentenübersicht. Das Forschungsprojekt „Digitale Daseinsvorsorge“ der EAH Jena untersucht, ob solche Portale tatsächlich organisierte Selbstbestimmung ermöglichen. Die Befunde zeigen ein Zugangsproblem: Registrierung, PINs, Gerätewechsel und Medienbrüche können gerade für weniger digital affine Menschen zu Barrieren werden. Zugleich besitzen die Instrumente ein erhebliches Empowerment-Potenzial, etwa wenn Menschen ihre Gesundheitsdaten oder Rentenansprüche besser verstehen und eigene Entscheidungen informierter treffen können.

Damit rücken Daten und Infrastruktur ins Zentrum. Wer kontrolliert Gesundheitsdaten? Welche Rolle spielen Apple, Google, Microsoft und andere private Anbieter, wenn staatliche digitale Dienste faktisch auf deren Betriebssysteme und Geräte angewiesen sind? Wie lassen sich Datenschutz, Zugangsschutz und Interoperabilität sichern? Am European Health Data Space wird deutlich, dass Sozialpolitik nicht nur auf Digitalisierung reagiert, sondern durch Regulierung von Datenräumen selbst zum Treiber technischer Innovation werden kann.

Ein weiterer Schwerpunkt ist Künstliche Intelligenz in sozialen Diensten. Gerade bei Dokumentationspflichten in Jugendhilfe, Pflege, Psychotherapie und anderen professionellen Feldern kann KI Arbeit erleichtern. Gleichzeitig entstehen neue Fragen nach Kontrolle, Transparenz und professioneller Verantwortung. Die zentrale Herausforderung liegt daher nicht in einem einfachen Gegensatz von analog und digital, sondern in einer sinnvollen Verbindung beider Formen.

Zum Schluss geht es um Demokratie. Führt der digitale Sozialstaat zu mehr Selbstermächtigung oder zu neuen Formen der Entmächtigung? Wilke warnt vor einfachen Antworten. Seine Forschung zeigt bislang keine unmittelbaren Effekte digitaler Portale auf die allgemeine Legitimität des Sozialstaats. Sehr wohl prägt aber die konkrete Nutzererfahrung die Einstellung zur Digitalisierung: Wenn staatliche Angebote kompliziert sind oder scheitern, wächst Skepsis. Damit wird gute digitale Gestaltung selbst zu einer sozialpolitischen Frage.

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Shownotes

Felix Wilke – Ernst-Abbe-Hochschule Jena
Felix Wilke – Ernst-Abbe-Hochschule Jena

Forschungsprojekt „Digitale Daseinsvorsorge“ (DDoS), EAH Jena
Forschungsprojekt „Digitale Daseinsvorsorge“ (DDoS), EAH Jena

Aktuelle Ergebnisse des DDoS-Projekts: ePA und Digitale Rentenübersicht – EAH Jena (26.08.2026)
Aktuelle Ergebnisse des DDoS-Projekts: ePA und Digitale Rentenübersicht – EAH Jena (26.08.2026)

Publikation zu den DDoS-Ergebnissen (DOI)
Publikation zu den DDoS-Ergebnissen (DOI)

Forschungsprojekt AVATAR / AVATAR-Transfer – EAH Jena
Forschungsprojekt AVATAR / AVATAR-Transfer – EAH Jena

European Health Data Space (EHDS) – Europäische Kommission
European Health Data Space (EHDS) – Europäische Kommission