Erleuchtung auf der Bühne – Zur Aufführung von „Siddhartha“ nach Hermann Hesse von Lisaboa Houbrechts auf der Ruhrtriennale

Michael Opielka – 13. September 2026
Fotoprobe von Siddhartha (Hermann Hesse, Lisaboa Houbrechts, Caroline Shaw, Lettischer Rundfunkchor) am 08.09.2026 in der Maschinenhalle in Zweckel in Gladbeck Foto: RT2026/ Caroline Seidel

Erleuchtung auf der Bühne

Zur Aufführung von „Siddhartha“ nach Hermann Hesse von Lisaboa Houbrechts auf der Ruhrtriennale (Maschinenhalle Zweckel in Gladbeck) am 12.9.2026

Überall Bedeutung. Die junge belgische Regisseurin Lisaboa Houbrechts hat vier Szenenbilder eingerichtet. Das Schloss. Der Wald. Die Stadt. Der Fluss. Ich hatte eine Pressekarte erhalten und überlegte darüber zu schreiben. Siddhartha von Hermann Hesse. Wer unter den Gebildeten und ihren Verächtern hat es nicht gelesen. Wir Alten alle. Aber wir haben das meiste vergessen. Auf der Fahrt nach Gladbeck die Frage in die kleine buddhistische Gesellschaft: kann eine von euch kurz zusammenfassen, worum es geht. Keine konnte. Also Wikipedia. Weit mehr als vierzig Jahre später die Erinnerung. So war es. Der Prinz Siddhartha aus hohem Haus wächst im Schloss des alten Indien auf. Er hat einen Freund Govinda. Der Prinz soll vom Leiden verschont werden um später ein guter Herrscher zu werden. Aber er sieht das Leiden. Eine Wiederholung der Erfahrung des Gautama Buddha. Siddhartha will seinen Weg zur Erleuchtung selbst finden. Im zweiten Bild der Wald. Asketen überall. Buddha taucht auf und geht. Auch das gefällt Siddhartha nicht. Alle übertreiben. Drittes Bild, die Stadt. Vergnügen. Lärm. Und die Kurtisane Kamala. Führe mich in die Liebe ein, sagt er, macht sie. Sie wird schwanger, das wird Folgen haben. Auch hier wird er gehen. Viertes Bild, der Fluss. Dort der Fährmann Vasudeva, ein Erleuchteter. Siddhartha folgt ihm und wird erleuchtet.

Das haben wir gelesen, das können wir überall lesen. Was sehen wir. Wir sehen einen gewaltigen Raum. Die Maschinenhalle Zweckel in Gladbeck. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde dort die Druckluft für das Kohlebergwerk erzeugt. Ein Palast aus Ziegel. Ruhrtriennalenkultur. Die Industriekultur ehren. Es geht nur im Sommer, unbeheizbar. Ein einfaches Bühnenbild. Wir sehen und hören einen Chor, der Lettische Rundfunkchor, vierundzwanzig Profis. Sie singen moderne Musik von Caroline Shaw. Außergewöhnlich. Arvo Pärt ähnlich, leichter. Und wir sehen die Schauspielerinnen. Alle Hauptrollen sind weiblich besetzt. Im Programm sagt die Regisseurin: „Außerdem ist Siddhartha in meiner Version non-binär, aber weiblich gelesen.“ Das hat Folgen gegen Hesse und die Geschichte. Die Kurtisane Kamala wird hier nicht schwanger. Es geht nicht. Das Fortpflanzungswerk der Menschheit wird suspendiert.

Wesentliches bleibt. Hesses buddhistische Menschenkunde mit einem Rest schwäbischen Pietismus. Erleuchtung geht überall. Aber sie geht nicht ohne Anstrengung. Nicht nur denken. Vor allem erfahren. Das ist Leben.

Die Geschlechterschillerei bringt vor allem Subjektivismus. Die Welt, wie sie mir gefällt. Das gehört zur heutigen Welt. Darum bekommt es Bühnen und Geld. Aber wo ist der Erkenntnisgewinn. Die Trans-Entfremdung lässt das Wesentliche, die Wichtigkeit der je eigenen Erfahrung, vielleicht noch deutlicher werden, das wäre die abstrakte Hoffnung. Was mag in den Hunderten Zuschauenden vorgehen. Jede weiß für sich allein. Die konkrete Hoffnung weiß es nicht.

Ein inspirierender Abend mit großen und zarten Bildern. Denn das haben die Frauen für sich. Sie tanzen feiner. Sie können kehlig lachen. Die Inszenierung geht nach Antwerpen, nach Lissabon, nach Riga. Bis Anfang 2027 kann man sie finden. Sie lohnt.

Siddhartha bei der Ruhrtriennale: https://www.ruhrtriennale.de/de/programm/siddhartha/214
Fotos und Audios:
https://www.ruhrtriennale.de/de/presse/siddhartha/117

Siddhartha im Toneelhuis in Antwerpen:
https://toneelhuis.be/en/program/siddhartha/

  

Michael Opielka

 

Fotoprobe von Siddhartha (Hermann Hesse, Lisaboa Houbrechts, Caroline Shaw, Lettischer Rundfunkchor) am 08.09.2026 in der Maschinenhalle in Zweckel in Gladbeck Foto: RT2026/ Caroline Seidel